Die Glashütte Gernheim zählte mit ihren drei Glasschmelzöfen von 1812 bis 1877 zu einer der bedeutendsten glasproduzierenden Fabriken Norddeutschlands. Heute ist sie ein LWL-Industriemuseum und verdeutlicht die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Glasbläser im Zeitalter der anbrechenden Industrialisierung. Der Werkstoff Glas steht symbolisch nicht nur für Zerbrechlichkeit, sondern auch für Transparenz und Durchleuchtung und so wollen wir uns mit dem ‹gläsernen Menschen› beschäftigen. Es scheint, als sähe die türkische Regierung ihre Bevölkerung heute gerne als solche gläsernen, also leicht zu überwachenden Menschen. Wer sich nicht der herrschenden Ideologie beugt, wird rasch zum Staatsfeind. Das musste auch die türkische Autorin Aslı Erdoğan erfahren, die zu den Fürsprecherinnen der kurdischen Minderheit in der Türkei zählt und im Zuge der sogenannten ‹Säuberungen› nach dem gescheiterten Militärputsch 2016 gefangen genommen wurde. Heute lebt sie im Exil in Deutschland, eine Anklage des türkischen Staates auf ‹Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung› wurde im Februar dieses Jahres fallengelassen. Mit ‹Das Haus aus Stein› nimmt Erdoğan auf erschütternde Weise die eigene Gefängniserfahrung vorweg und hat einen Roman geschrieben, der ein beeindruckendes Zeugnis für die Solidarität ist.
In einem Vereinigten Staat, in dem die Häuser Wände aus Glas besitzen, weil die Menschen keine Individualität und keine Privatsphäre mehr kennen, spielt Jewgeni Samjatins dystopischer Roman ‹Wir›, aus dem Helene Grass lesen wird. Samjatin, der Bolschewik war und u. a. 1905 den Aufstand auf dem Panzerkreuzer Potemkin organisierte, schrieb den Roman 1925; er wurde in der Sowjetunion verboten, weil er angeblich indirekt Kritik an dem neuaufzubauenden Staat formulierte. Die Beschützer wachen in ‹Wir› über das Wohl der Bevölkerung, die zu Nummern und deren Handlungen und Gedanken gläsern geworden sind und aufgezeichnet werden.
Das Duo Aliada legt in seinem Programm einen Schwerpunkt auf Komponisten, deren künstlerisches Schaffen durch die Regime, in denen sie lebten, stark beeinträchtigt wurde. So wurden im kommunistischen Polen die Werke von Witold Lutosławski als formalistisch bezeichnet und verboten. In seinen ‹Dance Preludes› implementierte er daraufhin volksmusikalische Elemente damit seine Werke wieder gespielt werden durften. Alban Berg wurde als Jude nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten diffamiert. Viele Bühnen wagten es nicht mehr, seine Werke zu spielen, was seine Lebensbedingungen dramatisch verschlechterte. Auch Erwin Schulhoff konnte wegen seiner jüdischen Abstammung und seiner Hinwendung zum Kommunismus nach 1933 seine Karriere im faschistischen Deutschland nicht fortsetzen und emigrierte. Die tragische Geschichte der Migration greift der polnisch-österreichische Komponist Tomasz Skweres in dem Stück ‹Coffin Ship› auf, das er für das Duo Aliada schrieb. Die Musiker beenden ihr Konzert mit Aaron Coplands ‹3 Moods› und George Gershwins ‹Three preludes› und begegnen damit wiederum der Entstehungszeit von Jewgeni Samjatins ‹Wir›.